Fotografieren bedeutet Auswählen – vom Anfang bis zum Ende. In der Planungsphase eines Shootings oder einer Fotoreportage überlegt man, was das Thema ist. Beim Fotografieren konzentriert man sich auf den richtigen Bildausschnitt und lässt Unnötiges weg. Bei der Bildauswahl schließlich, wählt man die besten Bilder aus. Während des gesamten Prozesses geht es darum, gute von weniger guten Motiven zu unterscheiden und die Essenz einer Aussage, einer These zu destillieren.

Wie viele Fotoabzüge sieht man, die nur Fotografien sind. 

Wie wenige sind ein Bild! Erst wenn der Betrachter vergisst, 

dass er eine Fotografie vor sich hat, dann erst ist mehr da.

Walter Hege

Ein Fotograf belichtet immer viel mehr Bilder, als jemals abgebildet werden können. Einerseits ist das gut so, denn dieses Vorgehen ermöglicht es, beim Editing aus einem grossen Pool von Fotos zu schöpfen und nur die Fotos auszuwählen, die inhaltlich eine gewisse Idee stützen. Andererseits bedarf es einer gewissen Erfahrung und Expertise, um effektiv und zielsicher große Mengen von Fotos zu durchforsten und zu sortieren.

Am besten gelingt das mit einem Bildbrowser und/oder einem Universaltool (einem Programm, das sowohl einen Bildbrowser, als auch ein Bildbearbeitungsmodul enthält). Die geeignete Software erlaubt es Ihnen, große Mengen von Fotos schnell, intuitiv und flexibel „auszumisten“ und zu ordnen. Wichtig ist dabei die Option, Fotos miteinander Vergleichen zu können.

Konkret: um festzustellen, welches Porträt Ihres Freundes das Beste ist, breiten Sie alle Fotos in Rasteranordnung auf Ihrem Schreibtisch aus und vergleichen eines mit dem anderen. Auf welchem Bild ist der Blick sympathischer? Wo sitzt die Krawatte besser? Die Perspektive vorteilhafter? Das Sakko faltenfrei?

Editing bedeutet, ein Foto ständig mit anderen abzugleichen. In dem Moment, wo ein besseres Bild auftaucht , als das vorherige, wird das schlechtere aussortiert. Betreibt man diesen Prozess konsequent, dünnt man eine Bildauswahl Schritt für Schritt aus, bis nur noch die besten Fotos übrig bleiben.

Qualitätshierarchie mit Sternchensystem

Das Sternchensystem hat sich in der Bildauswahl zum Standard entwickelt. Das Prinzip ist einfach: je besser ein Foto, desto mehr Sternchen erhält es. Maximal kann ein Foto 5 Sternchen erhalten. In der Praxis erfolgt die Bildauswahl in mehreren aufeinander folgenden Durchgängen.

Im ersten Durchgang bekommen zunächst nur die Motive einen Stern, die technisch brauchbar sind, das heißt scharf, richtig belichtet und gut gestaltet. Nehmen wir an, aus insgesamt 100 Fotos werden jetzt 70 Ein-Stern-Fotos. Diese Bilder durchlaufen nun einen zweiten Durchgang, bei dem wiederum die besseren einen zweiten Stern bekommen.

Ab dieser Phase ist es wichtig, ähnliche Fotos miteinander zu vergleichen, denn nur so kann man das Bessere vom Schlechteren unterscheiden. Die gängigen Bildbrowser bieten diese Möglichkeit. Inzwischen wurden beispielsweise 40 Fotos mit zwei Sternen versehen.

Beim dritten Durchgang wird es inhaltlich interessant, denn jetzt ist man bei ähnlichen Motiven angelangt und konzentriert sich mehr auf das, was die Fotos erzählen – vielleicht hat man dann 25 Bilder übrig. Je nachdem, ob man eine kleine, konzentrierte Auswahl erstellt oder eine große, führt man diesen Prozess so lange weiter, bis die allerbesten Bilder 5 Sterne und die zweite Wahl 4 Sterne vorweist.  Das könnten 8 Fünf-Stern und 17 Vier-Stern- Fotos sein, je nach Arbeitsweise.

Diese Strategie hat einen grossen Vorteil: Sie können zu jedem späteren Zeitpunkt wieder auf Ihre zweite oder dritte Wahl zurück greifen (der Filter des Programmes ermöglicht nämlich das Betrachten von nur einer Sternchenkategorie, indem er alle anderen Kategorien rausfiltert) .

Sagen wir, ein Grafiker hat Ihre 8 Fünf-Stern-Bilder erhalten – die qualitativ ausgezeichnet sind – aber für das Layout braucht er ein Motiv, auf dem Ihr Freund in die andere Richtung guckt (Porträts sollte man nach Möglichkeit nicht spiegeln, denn das Spiegelbild eines Menschen sieht anders aus, als das Original!). Anstatt nun alle 100 Fotos von vorne durchzugehen, sehen Sie jetzt zunächst bei Ihren vier Sternen nach, ob da was dabei ist. Falls nicht, bei den drei Sternen. Praktisch, denn die Qualität ist ja gewährleistet. Sie gehen lediglich einen kleinen Kompromiss ein, wenn Sie nicht das allerbeste, sondern das zweit- oder drittbeste Foto liefern. Der Betrachter wird den Unterschied nicht bemerken, denn er kennt ja Ihre besten Motive nicht!

Es ist immer wieder interessant festzustellen, wie unterschiedlich Fotograf und Bildredakteur Fotos beurteilen. Als Fotograf neigt man nämlich dazu, sich in einige seiner Fotos zu verlieben und dadurch andere Bilder nicht mehr wahrzunehmen. Deshalb ist es für Fotografen immer aufschlussreich,  seine Fotos von einem externen Fachmann beurteilen zu lassen, der einen etwas größeren Abstand zu dem Bildmaterial hat.