Der Begriff „Bildsprache“ ist das am meisten strapazierte Wort in der Fotografie. Kaum ein anderer Fachausdruck wird so kreativ interpretiert und missbraucht, denn es gibt keine befriedigende Definition. Trotzdem liegt die Analogie zu gesprochener Sprache auf der Hand, vor allem im Bildjournalismus:

Ähnlich wie ein Satz, hat ein Foto eine gewisse Aussage und orientiert sich an einer speziellen Grammatik (Belichtung, Schärfe, Komposition, etc.). Jedes Wort eines guten Textes will wohlüberlegt sein und sollte sich nicht doppeln, ähnlich wie bei einer gelungenen Fotoreportage kein Bild redundant ist und jedes Motiv die Geschichte weitertreibt. Sprache kann laut und leise sein:

denken Sie beispielsweise an die quietschig bunten Modefotos eines David LaChapelle im Vergleich mit den poetisch farbreduzierten Arbeiten aus Peter Bialobrezkis Projekt „Neon Tigers“ (ein poetischer Opus auf die gigantomanische Architektur asiatischer Megacitys).

Gerade weil der Begriff der Bildsprache so vielschichtig ist, bleibt er abstrakt. Dennoch drängt sich (in der journalistischen Fotografie) eine Kategorisierung in die Bereiche „werblich“, „dokumentarisch“ und „PR“ auf. Je gestellter/künstlicher ein Foto, desto mehr erinnert es an das Großflächenplakat an der Hauptstraße. Selbst , wenn es ein Reportagefoto in einem Magazin ist, seine Bildsprache hat werblichen Charakter. Je spontaner/authentischer es ist, desto mehr erinnert es an die große Reportage aus GEO. Auch, wenn es ein Anzeigenmotiv einer Werbekampagne ist, seine Bildsprache hat dokumentarischen Charakter.

Eine interessante Mischform ist die PR-Fotografie. Ein Genre, dass sich beider Bildsprachen bedient, denn viele Unternehmen lassen ihre Produkte so inszenieren und fotografieren, als seien sie „wie im richtigen Leben“ spontan „geknipst“ worden. Das Konzept geht dort auf, wo kostengeplagte Redaktionen das freie Bildmaterial im redaktionellen Teil ihrer Blätter veröffentlichen und sich die entsprechenden Firmen über eine kostenlose Veröffentlichung freuen (im Gegensatz zu Anzeigen, die teuer bezahlt werden).

Wie geschriebene Sprache, verändert sich auch die fotografische Bildsprache mit der Zeit und entwickelt sich weiter (seit der Verbreitung von Fotos im Internet, scheint dieser Prozess so schnell vonstatten zu gehen wie nie zuvor). Ein „gutes Foto“ kann heute auch mal unscharf, extrem angeschnitten oder überbelichtet sein, denn durch seinen Medienkonsum hat der Betrachter im Laufe der Jahre gelernt solche Bilder zu verstehen.

Es bleibt zu beobachten, wo diese Entwicklung hinführt. Besorgniserregend ist allerdings die salonfähig gewordene digitale Bildmanipulation, die es dem Betrachter immer schwerer macht, Realität von Fiktion zu unterscheiden. Aber wer weiß, vielleicht passen wir uns ja an und entwickeln einen Sinn für die digitale Authentizität von Fotos…