Wenn man beginnt, seinem Passfoto ähnlich zu sehen, sollte man in den Urlaub fahren.

Ephraim Kishon

Gerade in der journalistischen Fotografie spielt der Mensch im Foto eine tragende Rolle. Der sogenannte „Human Touch“ ist wohl der wichtigste rote Faden im Bildjournalismus, denn der Betrachter identifiziert sich mit dem Protagonisten und ist neugierig auf sein Schicksal. Ein gutes Porträt ist wie eine Kurzbiografie: sie erzählt dem Betrachter etwas über die Persönlichkeit und den Charakter eines Menschen.

Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami ist bekannt für seine  eigentümliche Sprache und die obskure Schilderung merkwürdiger Geschichten. Dieses Porträt zeigt ihn ganz nah, ohne ablenkendes Umfeld. Die selektive Schärfe auf seinen Augen zwingt den Betrachter zum Blickkontakt. Das Close-Up schafft ein intensives, sensibles Porträt (übrigens mit diffusem Tageslicht beleuchtet, das durch das Fenster seines Büro in Tokio schien).

Die Milieustudie geht noch einen Schritt weiter: sie zeigt zusätzlich das Lebens- oder Arbeitsumfeld einer Person. Der Betrachter erfährt, wo und wie jemand lebt, was ihn antreibt, etc..

Friedmund Sonnemann ist Aussteiger und lebt zurückgezogen und isoliert auf seinem selbst angelegten Gut im Westerwald. Die situative Milieustudie zeigt ihn als ganze Figur, gedankenversunken und die Kamera ignorierend. Die unscharfen verwelkten Pflanzen im Vordergrund und die Häuser im Hintergrund erzählen uns, wie das Leben hier mitunter sein muss: ruhig, melancholisch, vielleicht ein wenig trostlos.

Das Halbporträt, mit Studiolicht ausgeleuchtet, zeigt Boning mit schlampig heraushängendem Hemdzipfel. Das inszenierte Porträt entstand am Rande eines Interviewtermins in einem Restaurant und der rote Vorhang eignete sich gut als Hintergrund. Boning ist Comedian, Jazzmusiker und Künstler. Wie er so unaufgeräumt dasteht, passt irgendwie zu seiner Person.

Bei allen drei Porträts war eine gewisse Vorarbeit nötig: ich musste das Vertrauen der Personen gewinnen und ihnen die Gewissheit geben, dass ich sie vorteilhaft fotografieren würde. Bei Murakami war ich sehr nah dran – ich habe ihn während des Shootings davon überzeugt, dass das notwendig sei, um dieses spezielle Bild zu machen. Nach einigem Zögern hat er sich darauf eingelassen.

Friedmund Sonnemann habe , ich während einer kleinen Führung über sein Gut gebeten, kurz innezuhalten. Nachdem wir einige Porträts mit Blick in die Kamera fotografiert hatten, forderte ich ihn auf, wegzusehen. So entstand ein Foto mit dokumentarischem Charakter: es scheint, als sei der Betrachter stiller Beobachter. Ein Voyeur, der den Protagonisten ausspäht, ohne dass er es merkt.

Wigald Boning ist Showman: als er sein Hemd für unser Fotoshooting reinstecken wollte und ich ihn bat, es heraushängen zu lassen, wusste er sofort, was ich damit bezwecken wollte. Ein möglicherweise recht konventionelles Porträt des Künstlers wurde so zu einer Charakterstudie.

In diesen drei Fällen – und wie bei allen anderen ausdrucksstarken Porträts – habe ich mir die Zeit genommen, eine gewisse Beziehung zu meinen Protagonisten aufzubauen. Zugegeben, das waren meistens nur Minuten, und trotzdem war es notwendig, um diese Menschen fotografisch „zu knacken“. Jedes gute Foto, also auch jedes starke Porträt lässt Rückschlüsse auf den Fotografen zu:

ob er seinem Gegenüber sympathisch war, ob er überzeugend Regie führen kann, ob er einfühlsam ist, ob er souverän mit Licht umgehen kann. Sehen Sie sich doch Porträts in Zukunft auch nach diesen Gesichtspunkten an. Das wird Ihnen bei der qualitativen Beurteilung helfen!

Niemand möchte erkannt werden,

wie er wirklich ist.

Stefan Moses