Um das Spezielle der journalistischen Fotografie zu entdecken, bietet sich ein Vergleich mit Fotografie als Kunst an. Weil die beiden Genres in vielen Bereichen grundverschieden sind, kristallisiert sich schnell das Wesen des Bildjournalismus heraus.

Objektivität vs. Subjektivität

Zunächst dient ein journalistisches Foto der sachlichen/objektiven Dokumentation: es zeigt, wie etwas gewesen ist. Ein Klassiker ist die Aufnahme von Neil Armstrong, dem ersten Menschen auf dem Mond. Das Foto des Astronauten in der Mondlandschaft mit den Stars and Stripes im Hintergrund ist ein Beleg dafür, dass der Amerikaner dort war (es gibt Verschwörungstheoretiker, die bestreiten das!).

Im Gegensatz dazu, ist das künstlerische Foto sehr subjektiv. Es hat nicht die Aufgabe, einen Zusammenhang zu belegen, sondern ist der persönliche Ausdruck des Fotografen- seine Auseinandersetzung mit einem Thema, ohne den Anspruch den Betrachter sachlich zu informieren. Der Betrachter wird hier vielmehr auf emotionalen Ebene angesprochen.

Selbstverständlich inspirieren sich die beiden Genres immer wieder gegenseitig. Speziell seit dem Einzug der digitalen Fotografie und des Internets ist das ein immer deutlicher werdender Trend. Ein gutes Beispiel sind die Feature-Fotos der großen Nachrichtenagenturen, wie DPA oder AP. Oft gehen diese über den sachlichen Kontext hinaus und illustrieren Themen auch in einer subjektiv-künstlerischen Bildsprache.

Aktualität vs. Zeitgeist

Das journalistische Foto war noch nie so schnell wie heute. Ein Aspekt, der in den Fotogalerien keine Rolle spielt.  Bestes Beispiel sind die Sportfotografen, die ihre Bilder noch während des Spieles, in der Halbzeit, editieren und an ihre Agenturen oder Redaktionen schicken: die WLAN-Verbindungen am Spielfeldrand machen es möglich.

Das Kunstfoto erhebt keinen Anspruch auf Tagesaktualität, vielmehr ist es Ausdruck des Zeitgeistes. Die Fotos vom Berliner Mauerfall wird man auch noch in einem halben Jahrhundert konkret mit dem Jahr 1989 in Verbindung bringen. Die gigantomanischen Foto-Installationen eines Andreas Gursky jedoch, wird man – Pi mal Daumen – ungefähr in den Neunzehnhundertneunzigern  1990ern verorten.

Wahrhaftigkeit vs. Ambiguität

Wir glauben dem Foto in der Zeitung und können davon ausgehen, dass es sachlich richtig ist. Also keine Bildmontage oder Bildmanipulation, bei der Dinge „gephotoshoppt“ wurden, die gar nicht dort hingehören. Natürlich kann die Versuchung  bei den Bildjournalisten groß sein, bei den Bildjournalisten, einem guten Bild noch etwas nachzuhelfen. Den bedrohlich wirkenden Himmel noch viel dramatischer nachzubelichten, oder die störenden Schweißflecken im Achselbereich des Kleides der Bundeskanzlerin zu entfernen.

Amerikanische Tageszeitungen und Nachrichtenagenturen tolerieren übrigens lediglich die Nachbearbeitung ihrer Fotos, die nicht über das übliche Aufhellen, Abdunkeln und Optimieren von Farben und Kontrasten hinausgeht. Es sind einige Fälle bekannt, wo gestandene Bildjournalisten ihren Job verloren haben, weil sie mit ihrer Nachbearbeitung etwas zu fantasievoll waren.

Im Gegensatz dazu steht beispielsweise die HDR-Fotografie (High Dynamic Range), bei der ein und dasselbe Foto mit bis zu zwanzig Belichtungen fotografiert und später in Photoshop zusammengefügt wird. Dabei entstehen Fotografien mit superrealem Charakter, Bilder aus einer Fantasiewelt, die wir so mit bloßem Auge nie erblicken werden.

Erzählerische Qualität vs. persönlicher Interpretation

Ein gutes journalistisches Foto erzählt eine kleine Geschichte. Diese Geschichte ist allgemeinverständlich und erreicht möglichst alle seine Betrachter gleich schnell. Man könnte auch sagen, dass es eine gewisse pädagogische  Qualität hat: es hat den Anspruch, mehr oder weniger komplexe Sachverhalte, klar und eindeutig zu vermitteln.

Das Foto in der Galerie holt den Betrachter auf einer anderen Ebene ab: anders,  als ein Dokument, zeigt es eine sehr subjektive Position des Fotografen. Primär will er nicht informieren, sondern anrühren. Die Interpretation des Bildes überlässt er dem Betrachter.

„Content is King“ lautet ein englisches Sprichwort aus der Medienbranche. Egal, wie raffiniert Ihre Bildgestaltung oder Ihre Bildästhetik ist, letztlich zählt der Inhalt. Im Bildjournalismus beispielsweise, muss der Redakteur im Vorfeld entscheiden, ob sich ein Thema für eine fotografische Umsetzung eignet, ob es bildstark ist, oder ob man die Geschichte nicht besser nur in Worten erzählt. Denn ein Foto ohne aussagekräftigen Inhalt ist Platzverschwendung.

Auf die Frage hin, was denn für sie ein gutes Foto sei, antwortete eine befreundete Bildredakteurin, für sie sei ein gutes Bild eines, bei dem man immer wieder hingucken könne und jedes Mal etwas Neues entdecke. Es ist genau diese Vielschichtigkeit, die ein Foto interessant macht. Folgendes Foto illustriert ihre These: bei einem Herbstspaziergang fiel ein verwelktes Blatt vor mir auf den Weg. Ich musste zweimal hinsehen, denn die Form des Blattes kam mir irgendwie bekannt vor. Finden Sie auch, dass es aussieht wie ein Terrier?