Die Frau kniet betend in Armeniens berühmten Höhlentempel Geghard. Diese Situation ist nicht inszeniert, sondern hat sich so zugetragen. Im Gebet versunken, bemerkt die Betende den Fotografen scheinbar nicht. Interessant ist die Lichtführung, denn im linken Bildteil dominiert Tageslicht und rechts das warme Kerzenlicht. Es wurde nicht geblitzt, denn der Blitz hätte sowohl die Situation als auch die geheimnisvolle Lichtstimmung zerstört.

Das ist ein Bild, das eine authentische Situation abbildet. In seiner reinsten Form ist nichts daran inszeniert und der Fotograf nimmt keinerlei Einfluss auf das, was vor seiner Kamera passiert. Der Reportagefotograf oder Fotojournalist versteht sich als stiller Beobachter oder – wie die Amerikaner sagen – als „fly on the wall“ (Fliege an der Wand). Lange bevor der Fotojournalist den Auslöser betätigt, hat er eine These im Kopf, weiß, was er mit seinem Bild ausdrücken will.

Das Fotografieren selber ist Teil eines sehr aufmerksamen Beobachtungsprozesses, bei dem oft Minuten, Stunden oder sogar Tage vergehen, bis ein Foto entsteht. Der Fotojournalist guckt, überlegt ob die Situation seine These stützt und macht nur dann ein Bild, wenn das auch wirklich der Fall ist.

Ein gutes Reportagefoto ist wie ein ausdrucksstarker Satz und erzählt dem Betrachter etwas – es hat eine Aussage. Stellen Sie sich den Fotojournalisten als (visuellen) Autor vor, und seine Fotos als Teile eines Romans. Seine Bilder beschreiben, anstatt nur abzubilden. Oft sind sie von poetischer Qualität.

Und es ist authentisch. Die Magazine GEO und National Geographic gelten weltweit als die Autoritäten in der Reportagefotografie. Eine weitere faszinierende Quelle für Weltklasse-Reportagefotografie ist der World Press Photo Contest: dieser internationale Wettbewerb lobt jedes Jahr die besten Pressefotos aus. Diese werden dann auf der Website (worldpressphoto.org) und in einem Katalog veröffentlicht. Wenn Sie sich für exzellenten Bildjournalismus interessieren, müssen Sie sich hier umsehen!